Kirchschlager hob Steine aus der Taufe

Die Mezzosopranistin und Cellist Valentin Erben mit einer Uraufführung von Johanna Doderer.

Das kann sich auch (fast) nur die Kirchschlager erlauben, ohne dass es peinlich wirkt: sich an den Bühnenrand zu setzen und als Zugabe noch ein „Guten Abend, gut' Nacht“ hinzutupfen. Mehr für sich und Valentin Erben, ihren Duopartner am Cello, scheint es, als für das Publikum. Das funktioniert, weil ein Merkmal ihrer Bühnenkunst ihre Authentizität ist, bei allem, was sie anpackt, von Dowland bis Doderer. Womit der Rahmen dieses Abends im Konzerthaus abgesteckt ist. Mezzo und Cello – eine seltene, aber reizvolle Kombination. Zwischen Dowland und Doderer – mit Zwischenstationen bei einer dichten Shakespeare-Vertonung Christian Muthspiels und Paul Dukas' „Zauberlehrling“ – schritten die beiden auch das Spectrum der Beziehungen zwischen den zwei Stimmen ab: vom eher dienenden Charakter des Cello-Parts bei zwei Dowland-Liedern hin zum autonomen, vorwitzigen Kommentieren von Gesang und Sprache bei Doderers Auftragswerk fürs Konzerthaus.

Die 1969 geborene Komponistin hat sich der vor Humor nur so sprühenden Texte von Erbens Bruder Martin bedient: Unter dem Titel „Steine“ werden die wunderlichen Wirkungen geheimnisvoller Steine unter die Lupe und der Glaube daran aufs Korn genommen. Doderers bekömmliche Komposition steht der textlichen Vorlage an Witz nicht nach, wenn sie etwa die „Spitze“, die der sogenannte Krautelstein einem Ärgernis nehmen soll, mit einem Spitzenton konterkariert.

Ein Tisch aus einer Werkskantine

Witz prägte auch die Bearbeitung von Dukas' „Zauberlehrling“, die Erben besorgt hat und bei der er sich spieltechnisch nicht schont. Das Cello steigert sich als Äquivalent von Goethes Besen in einen regelrechten Rausch. Dass Kirchschlager, quasi als Zauberlehrling, dem nicht viel entgegensetzen soll, liegt in der Natur des Stücks, aber dass sie den Text weitgehend seitlich zum Publikum sprach, tat der Intensität ihres Vortrags nichts Gutes, auch wenn sich Jacqueline Kornmüller, die die szenische Einrichtung des Abends besorgte, sicher etwas dabei gedacht hat. Auch das Hauptrequisit, ein riesiger Tisch, der eher in eine moldawische Werkskantine gepasst hätte, war mäßig glücklich gewählt.

26.11.2015, Die Presse

Konzert der Top-Musiker Valentin Erben und Shani Diluka

 

Icking – Die internationale Kammermusikreihe „Meistersolisten im Isartal“ gilt als Garant für besondere Konzerte auf höchstem Niveau. Jetzt spielten Valentin Erben am Violoncello und Shani Diluka am Flügel.

Die internationale Kammermusikreihe „Meistersolisten im Isartal“ gilt als Garant für besondere Konzerte auf höchstem Niveau. Auch am Samstagabend erwartete das Publikum im leider nicht ganz ausverkauften Konzertsaal des Rainer-Maria-Rilke-Gymnasiums ein musikalischer Höhepunkt: Dem Verein „Klangwelt Klassik“ war es gelungen, mit Valentin Erben am Violoncello und Shani Diluka am Flügel zwei herausragende Meister ihres Faches nach Icking zu holen.

Für die folgenden eineinhalb Stunden hatten die Künstler zunächst Ludwig van Beethovens sieben Variationen, Mozarts Duett „Bei Männern, welche Liebe fühlen“, die Arie von Pamina und Papageno aus der „Zauberflöte“, und schließlich seine berühmte Sonate Nr. 3 in A-Dur ausgewählt. Nach der Pause sollte es mit klassischer Kammermusik aus der Feder einer zeitgenössischen Komponistin, der Österreicherin Johanna Doderer, und der Sonate Nr.1 von Johannes Brahms weitergehen.

Unbeschwert, ja fast heiter waren die sieben Variationen, mit denen der Abend begann. Die strahlend schöne Pianistin Diluka mit dem beständig wechselnden, expressiven Gesichtsausdruck zog ihre Zuhörer durch ihr atemberaubendes, vielfältig wohlklingendes Spiel und ihre geschmeidige Virtuosität in ihren Bann. Das bisweilen zurückhaltend wirkende Spiel des großen Cellisten Erben ließ der vielfach ausgezeichneten Ausnahmepianistin auf scheinbar natürliche Weise den nötigen Raum. Kongenial dargebracht erlebte das Publikum dennoch die unverzichtbare, vom Komponisten gewollte Gleichwertigkeit dieser beiden so unterschiedlichen Instrumente. Auf dem Höhepunkt seines Erfolges komponierte Beethoven die Sonate Nr. 3, ein Werk von sehr selbstbewusst scheinendem Charakter. Kraftvoll und gleichzeitig elastisch wirkten die beiden Musiker, die anschließend von ersten Bravorufen begleitet, in die Pause gingen.

Mit einer Komposition von Johanna Doderer holten Erben und Diluka die Gäste nach der Pause unvermittelt in die Neuzeit. Die Komponistin begeistert sich seit geraumer Zeit für die Lyrik von Ingeborg Bachmann und Paul Celan, die sie kompositorisch bearbeitet. Ihr Werk Nr. 2 „für Violoncello und Klavier“, benannt nach dem vierzeiligen Gedicht „Fadensonnen“ von Celan, vermittelte analog zum Gedicht eine fast „optimistische, lebensbejahende Grundstimmung“, die aus einer vorgefundenen „grauschwarzen Ödnis“ alles Schreckliche vergessen lassen soll. Mit dieser nur fünf Minuten langen Komposition führten die beiden Musiker ihr Publikum zur Sonate Nr.1 e-Moll von Johannes Brahms. Teils geradezu tänzerisch, bisweilen einem Walzer gleich, schienen sich Flügel und Cello in der Melodie abzuwechseln. In diesem Teil konnte von niemandem mehr auch nur der leiseste Zweifel an der Gleichwertigkeit der beiden Instrumente aufkommen.

Von jeglicher zurückhaltender Bescheidenheit befreit, steigerte sich Valentin Erben neben Shani Diluka mit einer „stretta“ ins furiose Ende. Beeindruckt vom anhaltenden Applaus wählten die Künstler als Zugabe noch ein Werk des französischen Komponisten Gabriel Fauré. Dessen eher melodiös gelassene Charakteristik führte das Publikum souverän auf den Ickinger Boden zurück. Wahrlich ein musikalischer Hochgenuss.

von Assunta Tammelleo

Merkur, 09.05.2016

Wie ein brodelnder Vulkan

 

Ohne Generationenproblem: Valentin Erben und Shani Diluka gestalten einen packenden Cello-Klavier-Abend in der Reihe
"Meistersolisten im Isartal"

"Cellist des legendären Alban-Berg-Quartetts" war groß auf allen Plakaten angekündigt. Ja, Valentin Erben ist eine Legende. Als sich das Quartett 2008 auflöste, zog sich Erben nicht aufs Altenteil zurück, sondern suchte andere Herausforderungen und neue musikalische Partner. Am Samstag ließ sich der Meister gemeinsam mit der Pianistin Shani Diluka in Icking hören.

Für die Abonnenten und Stammgäste der Ickinger Konzerte begann der Abend mit einer Überraschung: ein neues Gesicht beim Einführungsvortrag. Maria Goeth, eine gestandene Musikwissenschaftlerin, Regisseurin und Dramaturgin, stellte sich erstmals vor das Ickinger Publikum. Locker aus dem Nähkästchen plaudernd und ohne jede oberlehrerhafte Attitüde, vermittelte Goeth nicht nur wesentliche Informationen über das Abendprogramm, sondern auch über die musikhistorischen Hintergründe. Man erfuhr, wie sich das Cello allmählich von einer subalternen Bassstimme zum selbstständigen Melodieinstrument mauserte, und wie sich dies im Schaffen von Beethoven und Co. niederschlug. Das Thema von Goeths Doktorarbeit lautete "Musik und Humor", und dies hätte auch als Motto über ihrem Vortrag stehen können. Eine echte Bereicherung der Ickinger Reihe!

Dann begann das Konzert. Äußerlich hätte der Gegensatz zwischen Cellist und Pianistin kaum größer sein können - hier der in Ehren ergraute Altmeister, dort die junge, energiesprühende Südländerin. Musikalisch aber harmonieren Erben und Diluka perfekt; ein Generationenproblem zwischen den beiden Künstlern existiert nicht. Das Programm begann mit Beethovens Variationen zu "Bei Männern, welche Liebe fühlen", einem Frühwerk, das doch schon alle klanglichen Möglichkeiten beider Instrumente auslotet. Erben glänzte mit weichem, gesanglichem Celloton, wie es dem vokalen Ursprung des Variationsthemas entspricht. Diluka brillierte mit perlenden Läufen und makellosem Anschlag. Es entstand ein ruhiges Spiel im vollkommenen Gleichgewicht beider Instrumente.

Dieser Eindruck steigerte sich noch bei Beethovens Cellosonate in A-Dur, einem Werk aus der mittleren Schaffensperiode des Komponisten. Hier gelang den beiden Künstlern vom ersten Ton an eine packende Interpretation des Werks, unaufgeregt, aber spannungsvoll. Erben und Diluka meisterten die anspruchsvolle Sonate wie selbstverständlich, ohne aufgesetzte Eigenwilligkeiten, ganz aus der Musik heraus gestaltet. Unter der äußeren Ruhe aber brodelte ein Vulkan, der sich in den energischen Passagen der Durchführung ungestüm Bahn brach, ebenso auch im Finale, wo die Künstler ein ehrgeiziges Tempo wählten und Beethovens Vivace-Vorschrift ernst nahmen.

Nach der Pause dann ein zeitgenössisches Werk: "Fadensonnen" von Johanna Doderer, nach einem Gedicht von Paul Celan. Zu Beginn las Erben Celans kurzen Vierzeiler vor, dann begann die Musik. Es spricht für das Ickinger Publikum, dass es auch solche Werke nicht nur akzeptiert, sondern mit atemloser Spannung verfolgt. Nun ist Doderer keine ausgeprägte Avantgardistin, und gerade "Fadensonnen" enthält zahlreiche tonale Inseln und melodische, ja melodiöse Passagen. Dennoch: Es ist unzweifelhaft ein Werk der Moderne, und der Gesamtaufbau entzieht sich traditionellen Formregeln. Lebhafter Beifall am Ende und Bravo-Rufe für den Mut von Erben und Diluka.

"Fadensonnen" endete mit einem e-Moll-Akkord und leitete somit nahtlos über zur ersten Cellosonate von Johannes Brahms, die ebenfalls in e-Moll steht. Weite Passagen dieser Sonate sind durch einen vollgriffigen, akkordischen Klaviersatz gekennzeichnet, so dass das Cello Gefahr läuft, unterzugehen. Hier bewährte sich einmal mehr die perfekte Symbiose zwischen Erben und Diluka. Die Pianistin spielte Brahms' Fortissimo-Vorschriften voll aus, doch niemals entartete ihr Spiel zum bloßen Tastendonner, so dass der Cellist nicht forcieren musste und trotzdem hörbar blieb. Die Schlussfuge gelang den beiden Künstlern luzide, trocken und transparent.

Die Musiker bedankten sich für den lebhaften Applaus mit einer Zugabe, "Après un rêve" von Gabriel Fauré. Hier hat das Klavier nur Begleitfunktion, und das Cello kann in Kantilenen und schmelzenden Klängen schwelgen, was Erben natürlich voll auskostete. Alles in allem war der Abend ein weiterer Höhepunkt der Ickinger Reihe, die durch ihre Qualität bald ähnlich legendär sein könnte wie weiland das Alban-Berg-Quartett.

Süddeutsche Zeitung, 08.05.2016

A big performance for a big space

guardian.co.uk, 20.07.11: A big performance for a big space

(Valentin Erben mit dem Belcea Quartett in der Royal Albert Hall)
“The first of this year’s late-night Proms in a way broke the mould. Chamber music, in its purest and simplest form, has more usually been kept to the lunchtime Proms in other venues, but here were the Belcea Quartet and cellist Valentin Erben alone on the vast Albert Hall stage, sending Schubert’s great C major Quintet echoing around us.”

Brahms, der Schwärmer

Quatuor Ysaye und Gäste spielten in Wiesloch die Sextette 

"Isabel Charisius und Valentin Erben (beide einst im Alban-Berg-Quartett) komplettierten die hochkarätige Sechserformation, die den Zuhörern im Palatin eines der erfülltesten Brahms-Erlebnisse der letzten Zeit bescherte."

"Noch subtiler, differenzierter und geschlossener agierte das vom souveränen Primarius Guillaume Sutre angeführte Ensemble im 1864/65 enstandenen G-Dur-Sextett op. 36 - jetzt mit Valentin Erben (...) am ersten Cello. Auch hier nahmen sich die Musiker wieder viel Zeit für ihren Brahms: Die betont ruhevoll ausgesponnenen Ecksätze bezeugten dies ebenso schön wie der zum sanften poetischen Intermezzo verklärte Scherzo-Hauptteil und erst recht das innigst nuancierte e-Moll-Adagio, die als expressiver Höhepunkt der Wiedergabe gelten durfte.

Das Wieslocher Publikum quittierte diesen vom SWR mitgeschnittenen Brahms-Abend mit starkem Beifall."
(Klaus Roß)